Dienstag, 08. April 2014

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Debatte um ZOB-Namensfindung

Namen sind Andenken

Weinheim, 22. Januar 2014. (red/pro) Welchen Namen soll der neue Platz des Zentralen Omnibusbahnhofs (ZOB) tragen? Ist das eine Frage, die hinter wichtigeren zurückbleibt, wie die Weinheimer Nachrichten meinen? Oder eine, die man per Online-Umfrage klären sollte? Oder eine, die vielleicht wichtiger ist, als mancher denkt? Ein Essay.

Von Hardy Prothmann

Wenn jemand vorgeschlagen hätte, den Platz “Herbert-Ernst-Karl-Frahm-Platz” zu nennen, hätte es wahrscheinlich viele Einwände gegeben, dass der Name “zu sperrig” sei. “Willy Brandt” ist da viel knackiger.

Herbert Ernst Karl Frahm und Willy Brandt unterscheiden sich scheinbar nur in der Länge. Tatsächlich sind beide ein und dieselbe Person. Der berühmte “Kniefall-Kanzler” hat seinen bürgerlichen Namen abgelegt. Der Name des von vielen verehrten Staatsmannes ist ein Pseudonym. Immer weniger Menschen kennen seinen echten Namen.

Namen sind Geschichte – doch welche?

Namen stehen für Geschichte. Namen stehen für Schicksale. Nomen est omen. Namen bedeuten etwas. In der Erinnerung, in der Verbindung, die man knüpft. Namen sind Emotionen. Namen sind Geschichte. Niemand von uns kannte Cäsar, aber alle wissen irgendwie, “wer das ist”.

Ein Zentraler Busbahnhof ist ein Ort des Kommens und Gehens. Der Ankunft und des Abschieds. Der Trennung und der Zusammenkunft. Aber auch der Routine des Fahrplans und der Verlässlichkeit.

Wenn ein Name gewählt worden ist, wird es schwer sein, einen anderen zu wählen. Willy Brandt kannte dieses Schicksal. “Herbert-Ernst-Karl-Frahm-aka-Willy-Brandt-Platz” (aka steht für also known as) ist noch sperriger als sperrig. Und Willy Brandt ist sehr oft in diesem Land schon geehrt worden. Und das ist gut so.

Gute Ideen müssen nicht immer “groß” sein

Der Vorschlag von Weinheim Plus, den Ort Nelson-Mandela-Platz zu nennen, ist als Idee gut. Ein großer Mann auf einer großen Reise mit vielen, unglaublichen Hindernissen. Aber kommt das der Bedeutung eines Zentralen Omnibusbahnhofs nahe? Eher nicht. Müssen zentrale Plätze immer “große” Namen tragen? Oder geht es auch bescheidener als Prinzip?

Der Vorschlag der Jungen Union, den Platz nach dem Stadtbrandmeister Dietrich Neitzel (1933-2011) zu nennen, hat großen Charme. Neitzel war ein Zugereister. Einer, der angekommen ist. Ungewiss, was ihn erwartet und sich um Weinheim und seine Menschen verdient gemacht hat.

Kein berühmter Mann, aber einer, der vor Ort Geschichte mit gestaltet hat. So wie die allermeisten in der Feuerwehr, die mit ihrem Einsatz für andere Menschen einsetzen. Im Kommen und Gehen.

Neitzel ist ein Name für ehrenvollen Einsatz

Herr Neitzel steht nicht für die großen Veränderungen. Nicht für Parteipolitik. Sondern für jemanden, der sich eingesetzt hat. Sein Leben zu meistern und anderen zu helfen. Das ist ein ganz großartiger Verdienst. Das ist vorbildlich.

Bei der Online-Umfrage der Weinheimer Nachrichten hat der Name keine Chance. Der “Zwei-Burgen-Stadt-Platz” liegt vorne. Nun, eine Online-Umfrage auf diesem Niveau hat keine Aussage. Sie ist extrem manipulierbar.

Es geht auch nicht um 70 Facebook-Kommentare, über die sich der WN-Redakteur Carsten Propp beeindruckt auslässt – schon gar nicht über “amüsante”. Es geht um einen Namen, der auf einem Schild steht, der eine Adresse ist und mit dem man die Chance hat, etwas zu verbinden. Deswegen ist diese Namensfindung kein Amüsement, kein Scherz und sicher nicht geeignet, irgendeine Wahl per manipulierbarer “Online-Abstimmung” zu treffen. Denn der ZOB ist ein Ort, an dem Menschen ankommen und gehen. Er ist ein Ort der Menschen auf eine Reise.

Die Junge Union hat sich wie Weinheim Plus Gedanken gemacht. Die SPD auch. Die anderen Fraktionen sind aufgerufen, dass auch zu tun und es ist toll, wenn die Bürger/innen sich auch einbringen.

Zentraler Platz – was ist “zentral” für Weinheim?

Ein Willy-Brandt-Platz oder ein Nelson-Mandela-Platz wird niemanden überraschen und beide Namen haben nichts mit Weinheim zu tun. Und auch ein “Zwei-Burgen-Platz” hat angesichts der “Geschichte” dieser Burgen nur bedingt mit Weinheim zu tun und ist sicher kein Zeichen für den “Spirit” dieser Stadt. Außer, man glaubt, Weinheim trage eine tiefe “Burgen-Mentalität” in sich. Aber das Mittelalter ist hoffentlich überwunden wie auch hoffentlich bald eine Anerkennung für Leute, die sich mit voller Absicht einen Säbel ins Gesicht zu schlagen versuchen.

Herr Neitzel hat keinen berühmten Namen. Aber einen, der zur Geschichte Weinheims gehört und diese mitgestaltet hat. Und auf viele Weinheimer Bürger hinweist, die sich früher wie heute für die Gemeinschaft einbringen. Damit ist dieser Name ein ganz außerordentlich hervorragender Vorschlag. Überparteilich, überideologisch. Ein Name, der ehrenamtliches Engagement symbolisiert. Gemeinschaft. Aufnahme. Anerkennung für persönliche Leistungen.

Manchmal ist es ganz einfach, eine gute Wahl zu ergreifen. Sofern nichts Negatives über Herrn Neitzel bekannt werden sollte, finde ich, dass “Dietrich-Neitzel-Platz (ZOB)” ein ganz außerordentlich tauglicher Name für einen Platz ist, an dem Menschen auf die Reise gehen. Egal, wie kurz oder lang diese sein sollte.

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  • Robin Dietrich

    Vielen Dank für diesen Artikel. Wollen wir mal hoffen, dass er möglichst viel Gehör findet!

  • Sven B.

    Ich finde diesen Beitrag wirklich sehr klasse! Auch dass das
    Thema “Zwei-Burgen-Platz” aufgenommen wurde. Mittlerweile scheint
    Weinheim nur noch dieses Image zu kennen. Und das ist schade. Der Name ist
    einfach ausgelutscht. Mit dem “Dietrich-Neitzel-Platz (ZOB)” würde es
    vermutlich auch eine stärke Verbindung der Bürger zu Feuerwehr geben.

  • Anana Nagorny

    das sind aufschlussreiche und nette Überlegungen für ein solches Unterfangen, was bekanntermaßen auch mal schief gehen kann. Man darf gespannt sein.