"));

Sonntag, 10. November 2013

« »
Gegenseitiges Abschreiben und Agenturhörigkeit sind kein Journalismus

Wenn die Medien Amok laufen

amoklauf

Der Sender RNF war schnell mit “Amoklauf” bei der Hand.

Dossenheim/Weinheim/Heidelberg/Rhein-Neckar, 21. August 2013. (red) Das Drama von Dossenheim erschüttert die Menschen in der Region. Ein 71-jähriger Mann hatte zwei Männer erschossen, fünf weitere Personen verletzt und sich dann selbst getötet. Angeblich sollen die Feuerwehren von einem “Amoklauf” sprechen. Doch das ist falsch.

Kommentar: Hardy Prothmann

Zum menschlichen Drama kommt häufig das mediale Drama hinzu. Drei Tote, fünf Verletzte ist die fürchterliche Bilanz des gestrigen Abends. Ein 71-jähriger Dossenheimer hat vermutlich im Affekt gehandelt und in der Gaststätte “Ambiente” der TSG Germania 1889 um sich geschossen. Ablauf und Motiv für die Bluttat sind bislang nicht bekannt.

Dafür berichten verschiedene Medien diesen Satz, unter anderem beim SWR :

Die Polizei wollte zunächst nicht von einem Amoklauf sprechen, während die Feuerwehren der Metropolregion Rhein-Neckar auf ihrer Facebook-Seite das Wort “Amoklauf” jedoch benutzten.

stadtfeuerwehrverband

Von RNF erdacht, vom “Stadtfeuerwehrverband” weiterverbreitet. Pressesprecher des Verbands ist Ralf Siegelmann, Sohn des Sender-Chefs Bert Siegelmann.

Vermutlich hat eine der Agenturen diese “Information” verbreitet – und agenturhörig wie viele Medien sind, wird das dann ohne Gegencheck übernommen und verbreitet.

Wir haben die Facebook-Seiten noch in der Nacht überprüft und konnte nirgends entsprechende Einträge finden. Bis auf eine Fundstelle – die Facebook-Seite des Stadtfeuerwehrverbands Mannheim. Dabei handelt es sich aber nicht um eine offizielle Seite der Feuerwehren der Region.

Problematische Verquickung

Der Stadtfeuerwehrverband ist ein privater Verein. Pressesprecher ist Ralf Siegelmann. Dieser wiederum arbeitet beim lokalen TV-Sender Rhein-Neckar-Fernsehender (RNF) und ist der Sohn von Bert Siegelmann, Chef des Provinzsenders. Sowohl das RNF als auch der Stadtfeuerwehrverband benennen die Bluttat von Dossenheim als “Amoklauf” – nach unserer Kenntnis sind dies die einzigen Belege, die sich auf die “Quelle” des RNF reduzieren lassen. Es sind also nicht die Feuerwehren, die von Amoklauf sprechen, sondern der Provinzsender, der seine Sicht der Dinge über eine vermeintliche Feuerwehren der Region-Seite verteilt.

Der Stadtfeuerwehrverband hat sich auch die Adresse www.feuerwehr-mannheim.de gesichert. Man könnte denken, das sei die offizielle Feuerwehrseite, ist sie aber nicht. Bei einer früheren Anfrage an die Stadt Mannheim, ob man über das Auftreten Bescheid wisse und der Frage, ob es nicht problematisch sein könne, dass ein Mitarbeiter des Senders gleichzeitig Mitglied der Feuerwehr und Pressesprecher des privaten Vereins sei, wollte man das Problem nicht verstehen. Auch nicht, dass der Sender die Stadtfeuerwehrband-Seite auf Facebook nutzt, um überwiegend seine Nachrichten nochmals zu posten und zu verteilen. Was wie eine “Feuerwehrseite” aussieht, ist in Wirklichkeit eine Seite, um Berichte des Senders zu pushen, der das anscheinend nötig hat.

Nun fällt die problematische Verquickung aus Feuerwehr-Ehrenamt, Vereinssprecher und Mitglied eines journalistischen Mediums negativ auf die Wehren der Region zurück.

Ralf Mittelbach, Abteilungskommandant Stadt der Feuerwehr Weinheim, zeigt sich verärgert über die Darstellung:

Ich kann selbstverständlich nicht für alle sprechen, aber wir Feuerwehren geben uns hier sehr viel Mühe mit einer umfassenden, zutreffenden und verantwortlichen Öffentlichkeitsarbeit. Die ungeprüfte Behauptung in verschiedenen Berichten, die Feuerwehren im Raum würden von einem Amoklauf sprechen, ist falsch und einfach unverschämt. Wir halten uns aus der Bewertung raus, das ist Sache der Polizei.

Die Feuerwehr Weinheim war mit einem Seelsorgeteam am Einsatz gestern Abend beteiligt.

Für Zeitungen, Sender und vor allem Agenturen gilt insbesondere bei solch tragischen Ereignissen noch genauer als genau zu arbeiten. Sonst bringt man Beteiligte – in diesem Fall Helfer – in ein unschönes Licht, nur, damit man “Amoklauf” von Dossenheim schreiben kann.

Das Rhein-Neckar-Fernsehen fällt immer wieder mit problematischen Berichten auf. Kürzlich zeigte der Sender das Foto eines Mannes, der drohte, sich von einer Rhein-Brücke zu stürzen. Selbst nach Hinweis an die Reaktion, dass man Menschen in Ausnahmesituationen nicht auch noch vorführen sollte, blieb das Foto veröffentlicht. Ende 2011 hatte der Sender auf seiner Website minutenlang in einem Video gezeigt, wie Bestatter die Leiche eines Unfallopfers in einen Sarg zu wuchten versuchen. Erst nach unserer Berichterstattung entfernte der Sender das grausige Material.

Wer nicht auf Inhalte vertraut, muss sein Glück auf Teufel komm raus mit der Sensation machen – und kalkuliert Kollateralschäden mit ein.

Moderation von Kommentaren

Die Moderation liegt bei der Redaktion. Für uns steht fest: Kritische Diskussionen sind erwünscht, persönliche Beleidigungen hingegen werden entfernt. Wie wir moderieren steht in der Netiquette .